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  Version 2  März 2005
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Die Arbeit am Tabu:

Lehren und Lernen mit Boal: Werkstattgedanken

Artikel in dem Buch: Gebraucht das Theater, Die Vorschläge von Augusto Boal: Erfahrungen, Varianten, Kritik
Hg. Bernd Ruping, Remscheid 1991 Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (BKJ) ISBN 3-925034-17-X (nun vergriffen)

Bewußtseinsbildung in Europa? Ein fremder Klang, den die Sprache Paulo Freires in unseren Ohren hinterlässt. Freires Pädagogik ist ein zentrales Hintergrund-Element zum Theater der Unterdrückten, seine Pädagogik der Unterdrückten blieb aber in den Hochschulen hängen: als in Europa nicht anwendbar. Ich meine: Zündstoff.

Bert Brecht hat mit den Lehrstücken versucht, SchauspielerInnen seine analytischen Fragen nahezubringen: Ist der Mensch gut oder schlecht - und wann ? Ein Versuch, die Spannung in uns zu finden, die Einflüsse von außen zu unterscheiden, und das alles zusammen zu spielen: Theater, das einfacher gebaut ist, wirkt banal. Und wenn Theater uns nicht in unserer komplexen Art widerspiegelt - was will es dann?

Was will das Theater der Unterdrückten? Hier zunächst einige seiner Elemente, von Augusto Boal entwickelt und in der Auswahl, die in meiner Arbeit wirksam wird:

Statuen- & Bildertheater als "kleine Schule" zum Einstieg in biIdhaftes Denken. Gegen die verdummenden Pro- & Contra- Diskussionen in Fernsehen und Schulen! Der Großteil meiner TeilnehmerInnen in kirchlicher oder gewerkschaftlicher Bildungsarbeit ist durch den schlechten Stil der Diskussionen verdorben.

Jedes Gespräch endet entweder im Sumpf des gemeinsamen Klagens oder im leidenschaftlich-leidenschaftslosen Rede- Gegenrede", in dem jedes beliebige Thema zermatscht und breitgewalzt wird: Die Fähigkeit, einen Disputauf eine höhere Ebene zu heben, ist bei den Jesuiten verblieben. Der alte Pfadfinder- und Arbeiterjugend-Ansatz "sehen - urteilen - handeln" ist zwar in Zukunftswerkstätten aufgegriffen worden, in der Sprache der Bilder ist er mir aber noch lebendiger. Das Denken auf mehreren Ebenen bereitet zuerst vielen Kopfschmerzen, aber nach etwas Übung eine neue Wachheit, die das Spielen erst so richtig in Gang bringt.

Die "Gesprächsverläufe" verändern sich: Haltungen und Konsequenzen werden schneller überprüfbar; nicht die Macht der Redegewandten, sondern die Aufmerksamkeit und Ideen der Unzufriedenen kommen zum Zug, mit Versuch und Irrtum können auch ungewöhnliche Eingriffe und absurde Verlaufe auf ihre Wirkung untersucht werden.

Ein Dialog in Bildern:

  1. Ein Stuhl, ein "Herr" darauf, ein "Knecht" vor ihm knieend. Eine Gesellschaftsordnung. Wer will etwas verändern?
  2. Jemand richtet den Knecht auf,
  3. der Herr wird aktiviert: Wachen rufen ...
  4. der Knecht wird verhaftet,
  5. das umstehende Volk greift die Wachen an ...

Nach verschiedenen Thronstreitigkeiten wird die Frage des Regierungssystems deutlicher, Gewerkschaftskampf, Wahlen, Diktatoren, Faschisten, Grüne, Anarchisten tauchen auf und werden durch andere wieder abgelöst. Der breite Ideenstrom, von manchen als großes Chaos empfunden, verebbt meist bei der Frage nach einem Zukunftsausblick, wie wohl unsere Kinder einmal leben könnten.

Dialog in Bildern kann in verschiedenen Arten zwischen Zeitlupe, eingeflüsterter Regie, oder mit "laut vor dich hinbrabbeln, was dir in den Sinn kommt" etc. erfolgen, die Phantasie der Teilnehmenden fängt bald an, eigene Methoden zu entwickeln.

Forum-Theater ist die Konfrontation eines Publikums mit unseren Szenen, mit der Aufforderung, die unterdrückte Person zu ersetzen, sie anders handeln zu lassen. Diese Methode hat in meiner Arbeit einen wichtigen Platz: Die Szenen sind leicht zu entwerfen (vor allem aus Statuen weiterentwickelt), das Publikum läßt sich nach entsprechender Aufforderung oder Provokation aus den Sitzen locken, ein Bildergespräch zwischen vielen Menschen über heikle Themen wird möglich.

Unsichtbares Theater braucht Gruppen mit solider Vorarbeit, Mut und klarem Problembewußtsein. Ich stelle die Methode zwar regelmäßig vor, mit dem Hinweis, welche Prinzipien mir dabei heilig sind: Daß die Szene unter allen Umständen unsichtbar bleibt und daß ein verdecktes Unrecht ans Licht gebracht wird. Allein die Klärung des Arbeitsthemas ist ein spannender Prozeß, wenn auch viele Gruppen in dieser Arbeitsphase abbrechen. Manche Auftritte haben die Spielenden auch eines Besseren belehrt: Ungeahnte Reaktionen des Publikums, die erwartete Unterdrückung findet nicht statt, interessante Gespräche am Rande ... neue Ansätze für ganz normales mutiges Verhalten.

Theater lernen ist für die meisten TeilnehmerInnen meiner Workshops ein privates Anliegen, Ausdruck für den Wunsch, sich in der eigenen Situation zurechtzufinden. Unterdrückung ist dabei der Einstieg, Verwirrung von Gedanken und Gefühlen oft das klarer werdende Problem.

Ich bin eure Unlust

mit der ihr die Mittage versitzt

Eure Traurigkeit, mit der ihr eßt und die ihr verdaut.

Bin euer verlorener Blick,

der sich selbstergeben durch die Scheiben ergießt.

Eure Atemnot und Blutleere

Ich bin eure Verkrampftheit

um die ihr selbst wißt

Eure kleine, bescheidene Grauzone in euch

Bin eure Isolation, eure persönliche Zellophanhülle

die euch die Luft nimmt.

Euer Unkontakt.

Ich weiß um die Zukunftslosigkeit eurer Welt

und eurer Phantasie.

Ich habe es immer gewußt

sagt nicht, ihr hattet mich nie gehört

ihr wolltet mich nicht hören.

Ich bin euer Unterdrücker,

Ich bin Ihr- und doch lebt ihr noch

Ihr Karikaturen.

Ich werde euch nie verstehen. (von einem Teilnehmer)

Annäherung an Tabus

Wenn die TeilnehmerInnen Statuen zum Thema Unterdrückung gestalten, ist ein Teil der Bilder sehr deutlich: offene Gewalt, Polizei, Terror. Die feinere Seite der Unterdrückung bleibt oft undeutlich - verwischt: Familienszenen, Schule, Kirche, Arbeit. Nicht nur, weil diese Unterdrückungserfahrungen gleichzeitig mit positiven Anteilen besetzt sind (im Beispiel der Elternliebe etwa: Gefordert-Sein, Glaube, Anerkennung), sondern auch, weil es nicht erlaubt scheint, naher an diese Themen zu gehen. Ein vom Vater sexuell belästigtes Mädchen kann nicht einfach davon erzählen ... Es ist ein Herausbrechen von kontroversen Gefühlen, Vaterliebe und Abneigung, die zu Selbsthaß in der eigenen Sexualität verdreht wird. Mit der Zeit habe ich versucht, die tabuisierten Themen zu systematisieren. Dabei kam ich zu einer Handvoll wichtiger Bereiche, aus der ich eine "Faust-"Regel der Unterdrückung ableitete:

Daumen: Sexualität. Wir haben kaum schöne Sprache dazu, kaum Worte, keine Lernorte (Familie?). Der beste Mißbrauch des Menschen: erotisch anheizen und dann frustrieren: setztsehr viel aggressive, selbstzerstörerische Energie frei (die Funktionsweise des Militärs), abgegrenzte Homoerotik in Männerbünden, Kirchen, Feuerwehr, Fußball ... und entsprechend in Frauenkreisen? Würden sich sexuell zufriedene Menschen zu so viel Unsinn (und Unsinnlichkeit) in Selbstzerstörung und Konsum mißbrauchen lassen?

Zeigefinger: Geld. Darüber spricht man nicht, Geld hat man. Geld verdirbt die Freundschaft, unser Umgang damit wird fast nie thematisiert. Privat. Bankgeheimnis. Wieviel wir erben, zu welcher Finanzklasse wir gehören. Schon das Wort Kapitalismus war vor seinem endgültigen Sieg nicht zu benutzen: Sofort war man als Kommunist verdächtig. Es heißt "freie Marktwirtschaft". Diskrete Honorarverhandlungen runden meine Arbeit ab.

Mittelfinger: Sinn des Lebens, Religion. Entweder im konfessionellen Fertigpack (Taufe, Einweihung, Hochzeit, Beerdigung) in den Ausgaben ev./kath./Isl./jüd./ ... oder in der mühsameren Do-it-your-self-Methode a-theistischer Sinnmodelle der Menschheit bis zum immer wieder aktuellen Absurden. Die Worte dazu sind durch Pfarrer belegt und verdorben; es gibt kaum Gesprächsorte außer der Telefonseelsorge, oder wo philosophieren Menschen miteinander ausser in Primitiv-Versionen am Biertisch?

Ringfinger: Krankheit und Tod. Wenn die letzten Fragen gestellt werden: Betroffenheit, Lähmung, wenn jemand von eigenem Krebs, Aids, HiV, Leukämie erzählt; die erschreckende Aura des Selbstmordes, die Jämmerlichkeit unserer Trauer und ihre lächerlichen Formen zwischen Nachricht, Beileid und Beerdigung. Spießerpomp und Trostgefasel. Das Wort "Trauerarbeit" im Munde aller gefühlsfreien Menschen; unser Selbstmitleid als heiligste Gemütsbewegung. Selten schön ein guter Abschied.

Kleiner Finger: Anders sein als andere und nicht dazugehören, Ausländer, arm, schwul, lesbisch, behindert, Frau im Mönnerbereich und umgekehrt, nicht leistungsfähig, unsicher. Punkte, in denen wir stillschweigend die Unterordnung erkennen, uns für minder halten.

Gemeinsame Eigenschaften aller Tabus: Es fehlt die Sprache, sie wirklich treffend anzupacken; gleichzeitig liegt eine Geschwätzigkeit der Ablenkung darüber.

Paulo Freire verwendet die Begriffe "Mythos" und Kultur des Schweigens": Wir haben immer gute Gründe, nicht darüber zu reden. Wenn wir es trotzdem wollen, geht es nicht: Wir kommen vom Thema ab, werden unruhig, müssen rauchen,...

Wenn wir plötzlich müde werden, gähnen, Kopfschmerzen bekommen, wenn wir auf einmal wirklich nicht mehr wissen, was wir gerade wollten: dann haben sie gut gearbeitet, unsere Polizisten im Kopf

Polizisten im Kopf

Es ist gut, viel über sie zu wissen, aber es ist so unsinnig wie der Autonomenkampf gegen Panzerwagen, mit Gewalt gegen sie losziehen zu wollen. Weil sie von unserer eigenen Angst genährt sind, können wir sie nur sanft und nach ihren eigenen Prinzipien überlisten. Bürger beobachten ihre Polizei: Frauen und Männer haben verschieden arbeitende PolizistInnen im Kopf, eine Frauengruppe kommt zuerst einmal tiefer an die persönlichen Themen, aber umso klarer ist dann auch wieder Schluß. Verschiedene Gesellschaftsschichten lernen jeweils eigene Taburahmen, so daß sich gemischte Gruppen helfen könnten ... Aber wir haben für jedes Thema ähnliche Verlaufe vorgezeichnet: vermeiden, verkomplizieren, für aussichtslos erklären, durch Erfahrungen als naturgegeben hinstellen, ablenken. Die Palette unserer polizeilichen Eingriffe geht dann von den Umleitungen der Gedanken über die Aufforderung zur Versammmlungsauflösung zu den härteren Maßnahmen: Kopfschmerzen, Anspannungen und Krampfungen im Körper - bis heran an die kräftigen Charakterpanzerungen unserer Muskulatur, wie sie Wilhelm Reich im einzelnen beschrieben hat.

Und damit in die Theaterarbeit?

Von der Statuen-Arbeit her kein Problem. Auch bei Forum-Szenen suchen wir üblicherweise nach einer klareren, schärferen Aussage. Aber:

Seit Wochen quäle ich mich jetzt schon hier hinter den Schreibtisch und versuche, meine Polizisten im Kopf in einen Artikel zu fassen. Sie entfliehen immer wieder sehr erfolgreich und verstecken sich in den Stapeln Arbeit. Und trotzdem muß es jetzt einfach mal sein. Ich werde mich zwingen, sie überlisten, dir etwas erzählen als wäre gar nichts besonderes.

Mit einer Gruppe in der Lüneburger Heide habe ich dieses Jahr zwei Wochen zum Theater der Unterdrückten und dabei natürlich auch zu den Polizisten im Kopf gearbeitet. Jetzt habe ich versucht, von drei Teilnehmerlnnen zu erfahren, was davon in Erinnerung geblieben ist. Natürlich zuerst die drastischen Bilder, Anzügliches in Rollen, besondere Erlebnisse. Bei allen Beteiligten eine gewisse Unruhe damals in den folgenden Tagen: Immer wieder ein Hinweis, eine Erinnerung, der Wunsch, jemandem davon zu erzählen. Auch eine beunruhigende Wachheit wird erwähnt. Die Erinnerung wird als angenehm bezeichnet, aber die erzählten Bilder sind mir noch nicht scharf genug. Laßt sich mit der Methode tatsächlich weiterarbeiten ?

Eine der ersten Szenen einer Frauengruppe:

Mann und Frau unterhalten sich: Wir müssen mal reden ... Sie will ihn konfrontieren, er reagiert auf anderer Ebene: Du bist überlastet, machen wir mal was Nettes, gehn wir in den Zoo, es wird schon wieder" - Frau laßt sich ablenken. Die Szene wird von zwei verschiedenen Gruppen auf ein und dieselbe Weise gespielt. Die zusehenden Männer fangen an, diverses zu interpretieren, bekommen die Szenen noch einmal vorgestellt, bis die Frauen herausprusten: Es ist mit euch genauso wie im Stück!

Das Moment wiederholt sich noch einige Male, und auch in der späteren Arbeit der Frauengruppe taucht es regelmäßig auf: Als ob die Männer gezielt weghören würden! Das Modell hat freigelegt, was bisher nur diffuses Unwohlsein war. Ähnliches bleibt auch von anderen Szenen: Wo wir jeweils an das Grundmodell unseres Verhaltens gekommen sind, macht's Klick, und die Szene wird im Alltag immer wieder sichtbar.

So weit kommen wir aber nicht mit vielen Szenen. Viel zu viel taucht bei der Arbeit mit Bildern auf, nur einzelne Modelle können wir tatsächlich zulegen.

Eine andere Geschichte, die auch im Inhalt von Polizisten handelt: Je zwei Personen tun sich zusammen und vereinbaren, wer zuerst den Polizisten und wer zuerst den Räuber spielt. Letzterer hat die Aufgabe, frei zu sein, der andere versucht, ihn daran zu hindern. Frauen entsprechend. Die größte Schwierigkeit dabei: Wie kann ich mich frei fühlen, solange mich jemand beobachtet? Was empfinde ich eigentlich als "frei"? Die Erfahrungen der Region schlugen sich dann sehr schnell in strategischen Polizeischlachten nieder, wie sie die Gorlebener Schutzmächte jeweils veranstalten.

Von vielen Theaterwerkstätten ließen sich ähnliche Szenen schildern. Dabei entwickelt sich immer wiederdie langsame Steigerung von Schwarzfahrerszenen (wer unterdrückt da wen?) zum genaueren Blick auf herrschende Machtverhältnisse, Interessen, gewöhnte und akzeptierte Abhängigkeiten, Kraftspiele.

Dazu gibtes noch eine Serie "heißer Themen", die auch regelmäßig als InhaltederTeilnehmerinnen auftauchen: Frauenunterdrückung, Gewalt in der Erziehung, Autoritätsstrukturen in Schule, Kirche, Arbeitsleben und unsere grundsätzliche "ökologische Depression": Nicht zu wissen, was angesichts der Bedrohungen zu tun ist. Wie mit der Angst fertig werden? Und immer wieder neu die Frage, welche Vorgehensweise für diesen Teilnehmerkreis die richtige ist:

Konfrontieren, den Sachen direkt auf den Grund gehen, gegen die Angstschwellen ankämpfen und "einfach rein ", immer weiterf ragen und die Arbeit unserer PolizistInnen analysieren.

Mit Hilfe von Geschichten, entlang an Mythen, Märchen, die Verzauberung unserer Realität versuchen, ihr den Ernst des Alltags rauben, ins Spielen und Träumen gehen, in Bildern sprechen. Ein Lachen gegen die Mauern setzen, mit Hilfe des Narren und des Clowns hinter die Kulissen der Sachzwänge und Geschäfte kommen. Mit Zynismus und Ironie das Absurde unserer Situation zum Vorschein bringen und damit die festgefahrenen Strukturen in unserem Hirn lockern (eine Methode für härtere Gemüter).

Jede Methode hat ihre Vorteile, aber auch ihre Grenzen im jeweiligen Teilnehmerinnenkreis. Vom Ansatz der Bewußtseinsbildung würde ich für die Konfrontation sprechen; in einer eher musisch veranlagten Gruppe (vor allem mit Kindern und wenn Entspannung angesagt ist) liegen mir die Geschichten und Märchen näher. Dabei sollen aber alle Schicksalsmächte auch selbst in die Hand genommen werden, jedes Ver-spielen ist nachzufragen. Das Lachen ist im Verlauf der Arbeit gar nicht so lustig, wie es für ein Publikum erscheinen mag- Aus etlichen Übungen dazu wächst gemeinsame oder vereinzelte Trauer und Tragik, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, der Narr und der Clown wissen davon. Existentielle und psychologische Kunst ist notwendig, um über solche Phasen zur Lösung zu kommen: Ich muß nicht alleine kämpfen, wir können uns gegenseitig stützen, im Wechsel von Kraft, Lust, aber auch Trauer und Schwache zu leben.

Das Absurde führt zu den schnell als "künstlerisch wertvoll" eingeschätzten Ergebnissen, steht oft tragisch-schön oder grausig-edel im Raum und braucht, mehr als alle anderen Richtungen, den Rückweg von der Verliebtheit in die Niederungen des wechselvollen Alltags.

Zeit und Vertrauen - wie entstehen Gruppen?

Ich sehe zwar, als Anleiter, viele tolle Ergebnisse einzelner Kreise, aber meine eigene Verzweiflung wächst, wenn ich sehe, daß immer mehr Leute Angstvor ehrlicher Auseinandersetzung haben, weil sie nicht in einer Gruppe sind, die solche Arbeit gemeinsam tieferführt. In unsererZeit des immer flotteren Konsums beliebig vieler Angebote, darunter eben auch Workshops, bekomme ich den Eindruck, daß es ein großes Glück und eine seltene Sache ist, einen verläßlichen Freundeskreis zu finden und zu pflegen. Die Fähigkeiten dazu erlebe ich immerseltener, sie istkaum mehrerlernbar.Wie in solcher Situation Bewußtseinsbildung weitergehen kann, politisches Denken nichtnuran der Oberfläche leben soll und tatsächlich Veränderungen unserer Gesellschaft möglich bleiben können: Ich kann es nur in der (für mich) alltäglichen Arbeit mit Lustan der Konfrontation, den Geschichten und dem manchmal absurden Lachen immerweiter versuchen, weil mir dieses Theater zum Leben geworden ist.

Von der Projektarbeit zum Prozeßdenken

Ein Projekt geht von einem Arbeitsziel in einer bestimmten Zeit aus. Projekte waren ein fortschrittlicher Ansatz in Jugendverbänden und Sozialeinrichtungen -, ein Schritt weg von festgeschriebenen Lehrinhalten, die, von einer Person vorgetragen, von den Schülern gelernt werden. Beim Projekt sollten die Lernenden selbst mit einer Aufgabenstellung und unter Anleitung ihren Lösungsweg finden und im Idealfall auch ref lektieren. Für viele Lernbereiche ist das die beste Arbeitsweise, vor allem, wenn die Teilnehmerlnnen motiviert sind. Computerkurse, Berufsausbildungen, Fachkenntnisse können auf diesem Weg vermittelt werden.

Im Bereich des Sozialen Lernens gehen wir einen Schrittweiter Wenn neben den Techniken und Fertigkeiten die Motivation wichtig ist oder in Frage steht, ist erst die Situation einer Gruppe zu klären. Was ein Machtwort in Berufsausbildungen bringen kann, geht in freiwilligen oder zufälligen Gruppen nicht:

Zuerst müssen die Interessen und Rollen geklärt werden, es beginnt manchmal schon in den ersten Minuten: Wer beginnt das Gespräch, stellt sich vor, stellt Fragen ... ?

Dann die gemeinsame Zeit, die gemeinsamen Ziele.

Für Anleiter, die in solchen Prozessen nicht in eine Lehrer- und Führerrolle geraten wollen, gibt es einige Anregungen aus der Freire-Padagogik:

Bei Freire ist die Rolle des Anleiters sehr stark durch den Bezug auf Machtverhältnisse kontrolliert. Ein Anleiter ist nicht da, um von seinem Wissen abzugeben, sondern um einen gemeinsamen Lernprozeß anzuregen und zu reflektieren. Auch er lernt dabei, indem erfürden Fortgang und die jeweils tiefer führenden Fragen zuständig ist und den ganzen Vorgang im Auge behält. Die Distanz wird eine andere: Sie soll nicht aufgehoben (bzw. weggeleugnet), sondern zu einem nicht-autoritären Verhältnis entwickelt werden.

Die wichtigsten Elemente zur Anleitung eines prozessorientierten Projektes sind:

Darüber hinaus hilft es,

Soziales Lernen

Wir bringen sehr starke Prägungen mit, die als Grundlage eines sozialen Prozesses möglicherweise erst bearbeitet werden müssen. Je nach Gruppengröße und Intensität sind dies verschiedene Felder: Gruppen um 30 Personen sind z.B. klar mit Schule assoziiert, LehrerInnenerfahrungen und MitschülerInnenverhalten werden erinnert und möglicherweise wiederholt. Bei Erwachsenen kommen vielleicht auch noch Betriebserfahrungen, Versammlungen und Fortbildungen in den Sinn. Aus derVielfalt von Lehr- und Anleitungspersonen wird eine Projektionsfigur abgezogen und mit der anleitenden Person verglichen. Um Hindernisse dieser Art zu überwinden, muß die entsprechende Prägung wachgerufen und bearbeitet werden, indem die Gefühle dazu ausgesprochen und die Erinnerungen vorsichtig gewertet werden.

Bei kleineren und intensiveren Gruppen ist die Frage noch Familiengeschichte ein mögliches Problem: Sie wird als intim empfunden, spielt aber eine wichtige Rolle in unseren Autoritäts- und Beziehungsmustern: Werde ich als Anleiterln als Mutter/Vater eingeordnet, als großes/ kleines Geschwister usw. Hier wird besonders der Unterschied zwischen Wahrnehmung, Klärung und Therapie wichtig: Nur zum Verstehen nachfragen, ohne sich in Interpretationen und Vermutungen zu ergehen, sich austauschen, also auch die eigene Situation im Vergleich benennen, die eigene Geschichte genauso verfügbar machen - das ist der große Unterschied zu einer Therapie.

schäferszene

Mein heimliches Auge

Der Titel stammt von einer schönen Sammlung Erotik und Pornographie (KonkursbuchVerlag 1982). Das tollste für mich daran: Es macht mir ein unsichtbares Kapitel unseres Lebens bewußt, ohne daß Mißbrauch stattfindet. Der Geschmack stimmt. Ein Detail daraus: Bilder des frühen 18. Jahrhunderts, die in ihrer Komposition den Fortgang des Bildes lesbar machen. G. Ch. Lichtenberg gibt Lesehilfe: Gesten und Blicke werden verlängert, Parallelen gezogen - und schon sind wir mittendrin.

In der Theaterarbeit die entsprechende Situation: In einer Statue, einer Szene den Punkt zu sehen, an dem die Zukunft am deutlichsten entschieden wird; Gefühl für den Punkt der höchsten Spannung, der stärksten möglichen Bewegung zu entwickeln.

Mir begann das mit einer Überraschung klar zu werden: Sehen die denn nicht ... ? Nein, viele Teilnehmerinnen sehen wirklich nicht, weil sie zu sehr in eigenen Gedanken und Assoziationen stecken; oder weil sie das einfach nicht wahrhaben dürfen oder wollen.

Tabus sind schließlich zu unserem Schutz angelegt: Nicht ständig an die brisanten Themen gehen wollen, nicht ständig neue Orientierungen und Fragen anpacken müssen; weitermachen wollen wie gehabt.

Darin auch die Starrheit der flottesten, betriebsamsten Leute: Geschwindigkeit, Verbrauch, Müll als fest eingestellte Größe, mit 240 km/h in den Nebel: Wir wissen alle vom drohenden ökologischen Zusammenbruch, aber unsere Konsequenzen daraus sind lächerlich.

Mein heimliches Auge: Ein Blick auf Bewegungen, Kräfte, Verhörtungen, ein Blick für Angelegtes, Kommendes. Nicht Propheterie, sondern einfach: geübte Wahrnehmung. Mein größtes Problem: Die mehr oderweniger gewollte Blindheit der anderen auszuhalten, das Lamento der ewigen Schwarzseher und Katastrophenverliebten zu hören, die positiven Traumtanzer nach ihren Beitragen zu f ragen. Mein idealistisches Ziel: Eine mit sich in allen Ebenen dialogfähige Gesellschaft im Bild eines überall lebendigen Körpers.

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fritz früher
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